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Autorin:
Karin

Geschrieben am:
16.07.2020 12:53:38

Wie die arg. Tangoszene unter COVID-19 leidet

Ein Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 16.7.2020:

„Man musste in Argentinien schon immer erfinderisch sein, um zu überleben. Das ganze Leben hier ist wie der Tango, der irgendwo in den Bordellen der Armenviertel entstand, ein Auswurf der Gosse: eine einzige Tragödie, klagende Geigen, stampfende Bandoneons, mehr Kampf als Liebe, nur nicht aus dem Takt kommen. So war das, seit sie denken kann. Dann kam das Virus. Es gibt jetzt keinen Rhythmus mehr, dem man folgen kann. Nur Stille.

Sie kann sich noch daran erinnern, als Anfang März auch in Argentinien die ersten Fälle von Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus registriert wurden. Kurz darauf, am 19. März, verhängte die Regierung einen landesweiten Lockdown, fast gleichzeitig mit Deutschland. Argentinien hatte da gerade einmal 158 Fälle und drei Tote. Corina Herrera hatte da noch große Träume.

Inflation, Armut, Kriminalität: Die Menschen in Argentinien sind Krisen gewohnt. Dachten sie. 

In Deutschland sind jetzt die Geschäfte, Biergärten, Cafés und selbst die Grenzen wieder offen. In Argentinien aber wurde der Lockdown immer wieder verlängert, mit Lockerung in manchen Landesteilen, in Buenos Aires aber, wo ein Drittel aller Argentinier wohnt, gab es immer weitere Verschärfungen, fast 120 Tage, nicht mal spazieren gehen ist erlaubt.

Trotzdem wurden mittlerweile mehr als 100 000 Infektionen registriert. Dazu gab es im April auch noch den schlimmsten Wirtschaftsabsturz in der Geschichte des Landes. "Eigentlich sind wir ja Krisen gewohnt", sagt Corina Herrera. "Aber das, was jetzt auf uns zukommt, macht selbst uns hier Angst."

Im Internet findet man Videos mit ihr, sie auf der Bühne in Berlin, London, Paris. Applaus, Scheinwerfer. Sie schwebt über das Parkett, die Pailletten an ihrem Kleid funkeln wie Sterne. Sie tanzt ihren Tanz, der alles ist, Kampf, Abgrenzung, Rivalität, aber eben auch Anziehung, Verlangen, Nähe. Eng umschlungen.

All das ist undenkbar jetzt und hier in dieser Halle, die einmal ihr Tanzstudio war. Keine Zuschauer, keine Erotik, nur Koffer und Umzugskartons. Corina Herrera steht im kalten Licht der blanken Neonröhren in Kapuzenpulli und Trainingshose, die Haare lang und schwarz, nicht streng nach hinten gebunden, wie auf all den Videos. Sie ist 33, aber ihr Gesicht sieht aus, als hätte man es aus einer Schwarz-Weiß-Fotografie aus den Zwanzigerjahren herausgeschnitten.

Tango ist Kampf und Abgrenzung, aber eben auch Nähe. Und das ist ein Problem in Zeiten von Corona.

Seit sie denken kann, tanzt sie. Erst im Kinderzimmer und in der Küche, dann hatte sie Ballettklassen. Mit neun sieht sie auf der Straße ein Paar Tango tanzen, ist fasziniert, die Schritte, die Musik, der Glamour, das Morbide. Zwei Tage später beginnt sie mit dem Unterricht. Seitdem hat sie nicht mehr aufgehört zu tanzen. Mit 14 unterrichtet sie schon selbst, mit Anfang zwanzig geht sie das erste Mal auf Tournee, und dann, 2018, macht sie ihren großen Traum wahr: ein eigenes Studio.

Lange hätten sie und ihr Mann gesucht, sagt Herrera, dann fanden sie das Haus in Almagro, hundert Jahre alt, Fenster und Türen so hoch, wie einmal das Selbstvertrauen der Argentinier war. Anfang des 20. Jahrhunderts kamen Menschen aus der ganzen Welt in dieses Land, aus Südeuropa, Spanien, Italien, jüdische Einwanderer trafen auf afrikanische Sklaven und vermischten sich mit arbeitslosen Landarbeitern. Alle waren sie auf der Suche nach dem Glück, stattdessen fanden sie aber oft nur ein Bett in einem Conventillo, einer Einwandererherberge, wie es sie auch hier im Almagro gab, dunkel und überfüllt. Geplatzte Träume vermischten sich mit Polka, Walzer und dem Candombe. So entstand der Tango.

Und er blieb auch dann noch, als die Conventillos längst Hochhäusern und Supermärkten gewichen waren. Jeden Abend tanzten sie in den Tangotanzclubs, zu Klavier und Bandoneon, hochhackige Schuhe zogen über das Parkett wie Messer über den Wetzstahl, Körper drückten sich eng aneinander. Nur ein paar Monate ist das her, kaum zu glauben. Und selbst Carlos Gardel, der berühmteste aller Tangosänger, klingt heute wie ein düsterer Prophet: Ach, mein Almagro, singt er, dir ist alles passiert, und am Ende bleibt nur Asche von dem, was einmal war.

Der Tango sei ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann, soll der Komponist Enrique Santos Discépolo einmal gesagt haben. Und ja, sagt Corina Herrera, immer wieder hat sie Menschen bei besonders traurigen Liedern weinen sehen. Nein, sie habe nie eine Träne vergossen, wieso weinen, wenn man tanzen kann?

Vor einem Jahr hat sie den Mietvertrag für das Studio unterschrieben. "Wir mussten hier erst mal alles herrichten", sagt Corina Herrera und geht von einem Raum in den nächsten. Hier wollte sie eigentlich einen Laden aufmachen, da sollten jetzt eigentlich Tangokleider und Tangoschuhe stehen, und hier drüben sollten irgendwann auch mal Stücke aus ihrer eigenen Kollektion hängen. Aber so weit kam es nicht mehr, statt Schülern kam der Lockdown, Buenos Aires, die Millionenmetropole, stand auf einmal still.

Berlin, London, Paris: Corina Herrera tanzte auf Bühnen in der ganzen Welt. Aber Tango und Social Distancing passen nicht wirklich zusammen.

Nur ein paar Schritte sind es von ihrem Studio hinüber zur Avenida Corrientes, fünf Fahrspuren, gesäumt von Cafés, Geschäften, Kneipen, Theatern. Immer wieder haben Tangosänger die Avenida Corrientes besungen, ihre Lichter und Verlockungen, die Gefallenen und Betrunkenen und Prostituierten, die sich hier durchs Leben kämpfen. Alles bei Dämmerlicht, weil die Liebe ein Hexer ist, heißt es in "A media Luz". Küsse im Dämmerlicht, und nur wir zwei. Doch jetzt: Social Distancing, 1,5 Meter Abstand, die Bars, die Kneipen, die Kinos, Theater und Konzertsäle, alle zu. Gruselig sei das, sagt Herrera.

Seit vier Monaten steht alles still, vor den Suppenküchen werden die Schlangen länger und länger

Anderswo in der Stadt sieht es nicht besser aus. Verschlossene Türen, verrammelte Fenster und überall Schilder: Zu vermieten. Schlussverkauf. Danke für all die Jahre. Längst trifft es auch Tanzbars und Tanzschulen. "Tango und Abstand halten - wie soll das gehen?", sagt Corina Herrera, dann lacht sie. Warum auch nicht. Die Clubs wurden als erste geschlossen, sobald das Virus in der Stadt war.

Anfang März war das, schon davor hatte ihr ein Kollege erzählt, dass er gerade eine Tour durch China abgesagt habe, wegen dieses neuen Virus, man wisse ja nie. Ein paar Wochen später war sie dann selbst auf Tour, drei Wochen Norditalien, ausgerechnet, damals noch ein Zentrum der Pandemie. "Beim Rückflug haben wir Zwischenstopp in Madrid gemacht", sagt Corina Herrera, "da haben sie schon die Temperatur der Passagiere gemessen."

Mitte März wurden dann ein paar Touristen in Argentinien positiv getestet. Sie waren nach Buenos Aires gekommen, um Tango zu tanzen. Was sonst. Niemand in der Szene wusste jetzt noch, ob er sich angesteckt hat oder nicht. Die Tanzlokale schlossen, auch Corina Herrera sagte Klassen ab, Zwangspause, zwei, drei Wochen, dachte sie.

Als die Regierung das Land Ende März unter Quarantäne stellte, war fast noch Sommer. Die Menschen klatschten jeden Abend um 21 Uhr für all die Ärzte und Pfleger, auch Herrera und ihre Familie. Mittlerweile aber ist die Stimmung im Land so grau und trüb wie das Wetter. Die Infektionszahlen steigen trotz Lockdown, Applaus gibt es schon lange nicht mehr, viele Menschen bräuchten selbst Hilfe, nicht nur von Ärzten, sondern auch von Banken. Aus der Gesundheitskrise ist längst auch eine Wirtschaftskrise geworden.

Schon vor der Pandemie ging es Argentinien schlecht. Jedes Mal, wenn Corina Herrera von einer wochenlangen Tour zurückkam, waren die Preise im Supermarkt wieder ein bisschen höher. Die Inflation war eine der höchsten der Welt, nach ein paar Boomjahren stand das Land wieder kurz vor dem Abgrund.

Selbst die Wirtschaft, so scheint es, tanzt in Argentinien nach dem Rhythmus des Tango, mal schnell, mal schleppend, ein Drama, aber mit Anmut. Diesmal half nicht einmal mehr ein Kredit über 56 Milliarden Dollar beim Internationalen Währungsfonds, der Schuldenberg wurde nur noch ein bisschen höher - und an den Hauswänden von Herreras Viertel stand jetzt "Raus mit dem IWF".

Corina Herrera wohnt in Avellaneda, einem Viertel im sogenannten Conurbano, dem gigantischen Vorstadtgürtel, der die Autonome Stadt Buenos Aires umgibt. Hier leben fast viermal so viele Menschen wie in der Stadt selbst. Im Norden gibt es schicke Villen, Efeu an den Mauern, schattige Alleen. Im Süden stehen nur karge Strommasten am Straßenrand. Hier gibt es kein Kopfsteinpflaster, nur Schlaglöcher, groß wie Gartenteiche. Und überall mit Graffiti beschmierte Mauern. Wer es sich leisten kann, pflanzt Stacheldraht obendrauf, wer nicht, steckt Scherben in den Mörtel.

Tango ist Kulturerbe der Menschheit. 
Der Tango gehört zum Weltkulturerbe. In Buenos Aires tanzen sie ihn zur Weltmeisterschaft auch auf der Straße.

Das Häuschen, in dem Corina Herrera mit ihrem Mann und den drei Kindern wohnt, gehört ihrer Familie. Sie müssen nur Betriebskosten und ein bisschen Miete zahlen. Das ist jetzt ein entscheidender Vorteil. Der Nachteil aber ist die Angst.

Schon vor der Pandemie sah Corina Herrera im Fernsehen die Berichte über Einbrüche in ihrem Viertel, über Raubüberfälle am helllichten Tag. Dann war kurz Ruhe, am Anfang achteten selbst Kriminelle den Lockdown. Aber damit ist es jetzt vorbei, Herrera sagt, sie habe jedes Mal Angst, wenn sie aus dem Auto steige.

Zwei Blocks muss sie von ihrem Haus gehen, dann ist sie in einer "Villa", so nennt man in Argentinien die Armenviertel. Tausendfünfhundert dieser Elendsviertel gibt es allein im Großraum Buenos Aires. Und so wie auch schon vor hundert Jahren in den Conventillos leben die Armen immer noch in bedrückender Enge. Nur der Grundton hat sich verändert. Jetzt wummert Cumbia und Trap aus den Boxen, kein Tango. Aber das Leben ist hier fast genauso armselig, nicht einmal fließend Wasser gibt es in vielen dieser Viertel. Ideale Bedingungen für das Virus.

Mittlerweile sind die Armenviertel die größten Infektionsherde. Das ist ein Problem, denn viele Menschen hier können es sich nicht leisten, zu Hause zu bleiben. Lockdown hin oder her. Wenn sie nicht zur Arbeit gehen, verdienen sie nichts. "Die Straßen hier sind voll", sagt Herrera, viele Geschäfte würden heimlich unter den halb geöffneten Rollläden heraus verkaufen.

Es gibt auch immer mehr Widerstand gegen die Einschränkungen in Argentinien. Dass es noch keine Unruhen gegeben hat, wie zum Beispiel in Chile, dürfte vor allem an den Suppenküchen liegen. Sie sind ein Überbleibsel der letzten großen Krisen. Es gibt sie überall im Land, auch in ihrer Nachbarschaft. Früher seien da ein paar Leute gewesen, sagt Corina Herrera, heute sei schon um 10 Uhr Früh eine lange Schlange. Dabei öffnet die Suppenküche erst um 13 Uhr.

Elf Millionen Menschen sind momentan in Argentinien auf solche Armenspeisungen angewiesen. In einem Land, das auf seinen Feldern Nahrungsmittel für 400 Millionen Menschen produzieren kann, hat ein Viertel der Gesamtbevölkerung nicht mehr genug zu essen. Und je länger der Lockdown dauert, desto länger werden die Schlangen vor den Suppenküchen, nicht nur in den Armenvierteln, sondern auch in denen der Mittelschicht.

Vor Kurzem sei sie in San Telmo gewesen, sagt Corina Herrera, das ist das Innenstadtviertel mit den morbiden alten Stadtpalästen. Wo früher Tangotänzer auf dem Kopfsteinpflaster tanzten und Touristen in Trauben vor den Steakrestaurants warteten, stehen die Menschen jetzt an für eine kostenlose Portion Nudeln mit Soße.

Und immer öfter bekommt Herrera auch Nachrichten geschickt von Kollegen aus der Tangoszene, denen das Geld weder für die Miete noch für das Essen reicht.

"Vielen ist mit der Quarantäne von einem Tag auf den anderen der komplette Verdienst weggebrochen", sagt Herrera. Shows haben geschlossen, Schulen und Tanzlokale sind zu. Selbst erfahrene Tänzer, die jeden Abend vor Hunderten Zuschauern auftraten, standen auf einmal vor dem Nichts. Lohnfortzahlung, Arbeitslosengeld: All das gibt es nicht. "Die meisten hier haben ja nicht mal einen festen Arbeitsvertrag", sagt Corina Herrera.

Vor zwei Jahren haben sie und ein paar Kollegen darum eine Art Gewerkschaft gegründet, die Trabajoderes del Tango Danza, TTD. Damals ging es noch darum, die Arbeitsbedingungen in der Branche zu verbessern. Mittlerweile aber geht es immer öfter ums Überleben.

Einmal die Woche fahren ein paar Mitglieder des TTD zum Großmarkt, um dort Lebensmittelspenden zu holen, die dann an Bedürftige aus der Tangoszene verteilt werden. Man wäre gerne dabei gewesen, aber das geht nicht. Essensspenden und Tango, das passt nicht zusammen. Kein Tänzer will in der Zeitung erscheinen, eine Tüte gespendete Kartoffeln im Arm. Der Stolz, sagt Corina Herrera, wäre manchmal auch ein Problem in der Szene.

Sie gibt jetzt Online-Unterricht. Immerhin. Für Schüler in Frankreich, Polen und Rumänien

Sie selbst hält sich mit Online-Klassen über Wasser. Achtmal die Woche unterrichtet sie Schüler aus Frankreich, Polen, Rumänien. Argentinier aber seien nicht mehr dabei. "Tanzstunden? Dafür hat hier niemand mehr Geld", sagt Herrera.

Das, was sie mit den Online-Klassen verdient, reicht nicht mal, um die Einkäufe zu bezahlen. Herreras Mann hat früher Touristen zu den zahllosen Tangoshows geführt. Aber es gibt keine Touristen mehr, auch keine Shows. Jetzt ist auch er arbeitslos. Er hat Hilfe beim Staat beantragt, 10 000 Peso Nothilfe für die ganze Familie, 122 Euro, aber bei der Auszahlung gibt es oft Probleme, auch Herreras Mann bekam die Unterstützung am Ende nicht.

Sie leben jetzt von Rücklagen, nach einem strengen Sparplan. Fleisch gibt es nicht mehr, keinen Saft und keine Cola, dem Zweijährigen versuchen sie die Windeln abzugewöhnen, um Geld zu sparen. Zum Sparplan gehört auch, dass sie ihr Tanzstudio aufgeben muss, der Mietvertrag ist gekündigt, im August muss sie raus. Wie es danach weitergeht? "Irgendwie", sagt sie laut. Als würde Trotz helfen.

Manchmal, wenn die Sehnsucht zu groß wird, wartet Corina Herrera, bis ihr zweijähriger Sohn schläft. Dann rückt ihr Mann die Möbel beiseite, und sie tanzen, zwischen Esstisch und Couch, eng, ganz eng. Wie heißt es doch in ihrem Lieblingstango: Leben, mein Leben, ich habe dich so sehr geliebt. Als du weg warst, habe ich bitter geweint, von der Einsamkeit besiegt.

© SZ vom 16.07.2020

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Autor:
karin

Geschrieben am:
19.03.2019 21:07:14

3. und letzter Teil

Auch unbekannte Milongas stehen wieder auf dem Programm: Der Chau Che Clu liegt etwas außerhalb und ich verspreche mir vom Tanzen nicht viel, bin dann aber sehr positiv überrascht. Und Tango Bardo spielen so mitreißend, dass wir sogar 2 CDs erstehen. Reservieren ist sehr empfehlenswert - wir bekommen nur mehr Plätze im Gastgarten. Wer hier auf den Auslöser drückt, erratet Ihr nie!


Eine Nachmittags-Milonga mit den Herederos del Compás besucht Gerhard alleine und ist ebenfalls schwer begeistert.

De Cherusa, Donnerstag abends, beschert mir einen der schönsten Tanzabende des heurigen Jahres und es ist erstaunlich, wen man hier alles trifft. Unter anderen Tangogrößen (zum Beispiel El Pibe Sarandi) ist auch ein mittlerweile 90jähriger Tangostar („soy el maestro de los maestros“) zugegen, der auch wirklich von Jung und Alt begrüßt und hofiert wird. Bisher hat er mich bei unseren diversen Begegnungen in der Vergangenheit immer verschmäht, aber hier schlägt er gnadenlos zu und mutiert zum Lustgreis, der mir unmissverständlich übermittelt, dass er durchaus noch nicht zum alten Eisen zählt. Jeden Tango beendet er mit der gleichen Pose und zwingt mir sein Bein gnadenlos in den Schritt, bevor er mich auch noch nach hinten biegt, dass meine Knochen, obwohl einiges gewöhnt, deutlich hörbar knacken. Oder ist es doch sein Gebiss? Seine Umarmung ist so eng, dass er mir außerdem bei den ochos immer wieder auf den Busen grabschen kann. Nur mühsam widerstehe ich der Versuchung, mein Knie in seine Weichteile zu rammen, aber das muss leider ein allzu schöner Traum bleiben, ich will ja wieder kommen. Nach einer gefühlten Ewigkeit gehört auch diese Tanda der Vergangenheit an.

Ebenfalls nicht gut ist meine Erinnerung an „Sueño Porteño“ - der Altersschnitt ist sehr hoch und das Niveau niedrig. Von allen Seiten wird mir zugenickt und manche Tangueros kommen sogar direkt zu mir und sprechen mich an, obwohl diese Milonga in der Ankündigung ausdrücklich mit cabeceo wirbt. Auch Gerhard kommt dran: gegen 22 Uhr wird ein Tablett mit Pralinen gebracht, auf das sich alle Damen stürzen. Jetzt wissen wir auch warum: Das Sweety wird dem für die nächste Tanda auserkorenen Tanguero überreicht - Widerstand zwecklos.

Ausgerechnet am Weltfrauentag erleidet Gerhard einen schweren Haushaltsunfall und verbrennt sich beim Bügeln am Arm. Zitat Gerhard: fast so schlimm wie Männerschnupfen. Tja, so schnell mutiert Mann von Tangomax zu Ironman. Ein Foto davon können wir aus datenschutzrechtlichen Gründen leider nicht zur Verfügung stellen.

Den „Club de Tango“ findet man nicht zufällig, da er im 5. Stock untergebracht ist und keine Auslage und kein Hinweisschild hat. Auch diese versteckte Schatzkammer mit Tango-Devotionalien haben wir dem im letzten Blog empfohlenen Buch entnommen. Leider kann man sich die CDs nicht anhören und die Auswahl ist auch nicht überwältigend, aber wer Tango-Poster oder -Postkarten, Bücher zu Tango (sogar auf deutsch) oder Partituren sucht, wird fündig. Die Besitzerin ist ein Unikat und sehr bemüht. Wir staunen nicht schlecht, als wir CDs von Jürgen Schwenglenks und Werbematerial der deutschen Zeitschrift Tangodanza entdecken.



Der Weg dort hin ist gesäumt mit Jacarandas, die besonders im Frühling (= europ.. Spätherbst) mit Blüten übersät sind und ganze Straßenzüge in Blau tauchen.



Sehr beeindruckend war unser Besuch im 100 m hohen 22stöckigen Palacio Barolo, der nach nur 4jähriger Bauzeit 1923 fertiggestellt wurde und sehr viele Anleihen an Dantes „Göttlicher Komödie“ nimmt. Der Keller und das Erdgeschoss repräsentieren die Hölle, bis zum 14. Stockwerk befindet sich das Fegefeuer und dann beginnt der Himmel. Ganz oben (nur zu Fuß und über eine sehr schmale Treppe mit großer Kopf-Anhau-Gefahr erreichbar) hatte ein Leuchtfeuer die Aufgabe, Schiffe sicher aus Richtung Uruguay kommend zurückzulotsen. Noch heute wird es täglich zwischen 22.00 und 22.20 (mit einer Reichweite von 5 cuadras = Häuserblöcke) entzündet.



Herr Barolo war ein Misanthrop, der mit Strickwaren ein Vermögen machte und sich damit seinen Traum an der Avenida de Mayo erfüllte. Die ersten beiden Stockwerke waren für ihn reserviert und über einen eigenen Aufzug erreichbar, das ganze Gebäude weist 9 Lifte auf
und war zu seiner Zeit eine Sensation: rundherum waren nur 2-stöckige Häuser und der 22stöckige Koloss mit seinem bis Montevideo sichtbaren Leuchtfeuer muss sehr beeindruckend gewesen sein. 30 Jahre lang war es das höchste Gebäude Südamerikas. Wie uns unser Guide erzählt, hatten die Menschen aber auch Angst davor, weil es in der Eingangshalle mit marmornen Drachen, Schlangen und anderen Wesen der Unterwelt reich verziert ist und mit seinen dunklen Farben nicht gerade einladend wirkt.
Konzipiert wurde der aus Eisenbeton gebaute Wolkenkratzer als Bürogebäude, das Wohnen dort ist auch nicht möglich, weil es kein Warmwasser gibt.
 
Als Nationales Historisches Monument dürfen daran keine Veränderungen mehr vorgenommen werden. Der Eintritt ist mit umgerechnet 18 Euro pro Person nicht gerade günstig, aber mit der Führung (auf Englisch und Spanisch) und der abschließenden Limonade sehr empfehlenswert! Auch Abendevents mit Tangoshow oder Cellokonzert werden angeboten. In der Finsternis auf den Leuchtturm zu kraxeln, will ich mir lieber nicht vorstellen, ist aber sicher in bleibender Erinnerung, wenn man auf noch mehr Nervenkitzel steht. Auch bei Tageslicht war es für mich im völlig verglasten „Krähennest“ aufregend genug, mit dem Popo in luftigen 100 m Höhe über der Avenida de Mayo zu schweben und dem Ächzen der Aufzüge zuzuhören. Unsere Fotos dazu sind jedenfalls unter großem körperlichen Einsatz entstanden.



An unserem letzten Sonntag in Buenos Aires sind wir noch zur „Rosa Milonga“ gegangen (im El Beso ab 15 Uhr). Reservierung sehr empfehlenswert, wir bekommen gerade noch einen Tisch im Paaresektor, was meine Chancen auf Aufforderungen nicht gerade potenziert. Als sich Gerhard an der Bar platziert, wird es (auch für ihn) besser. Der Altersschnitt liegt sehr deutlich unter dem anderer Milongas.

Am Tangokleidungssektor gibt es einige neue Anbieter, mehr dazu auf Hoy Milonga. Bei Maria Jazmín wird man fündig, wenn man auf Tupfen steht. Hier haben sich anscheinend auch die Damen des Orchesters Romántica Milonguera eingedeckt. Wir kommen gerade noch rechtzeitig und haben Gott sei Dank reserviert - der Gang vor der Kassa ist bis auf die Straße hinaus gestopft voll und so überfüllt haben wir diese Milonga noch nie erlebt. Das Konzert löst zwar Begeisterungsstürme aus, aber das angenehme Tanzen ist erst gegen 3 Uhr möglich. Auch sehr viele weibliche Fans des Orchesters tragen etwas Getupftes.

Die Shows gefallen uns heuer zum Großteil ausgezeichnet, herzlich lachen mussten wir bei einer Tango-Parodie im Canning: 2 Paare, die Damen jeweils äußerst drall ausgestopft, boten köstliche Unterhaltung auf höchstem tänzerischen Niveau.



Wir waren in gut 4 Wochen jeden Abend Tanzen, manchmal zusätzlich auch am Nachmittag. Zum Drüberstreuen absolvierten wir auch einige Privatstunden und Gruppenklassen und meinen Füßen geht es, obwohl ständig in 9 cm-High-Heels, blendend. Würde es einen Fußgott geben, würde ich ihm eine ganz fette Kerze opfern. So aber vergönne ich mir weiterhin 1 x monatlich eine Fußreflexzonen-Massage - sehr gut angelegtes Geld!

Ob wir ein 12. Mal wiederkommen? Ich weiß es noch nicht, aber: